WIE STREIKEN?

Wie können wir (un)bezahlte Arbeit bestreiken?

Am 8. März  rufen wir als das Bündnis 8M-Kiel erstmals zu einem umfassenden feministischen Streik in Kiel auf. Wir laden alle Frauen, Lesben, inter-geschlechtliche, nicht-binäre und trans Personen (kurz: FLINT*)[1] ein, sich an dem Streik zu beteiligen und die bezahlte und unbezahlte Arbeit in allen gesellschaftlichen Bereichen gemeinsam für einen Tag liegen zu lassen. Wir möchten den Streik dazu nutzen, verschiedene Kämpfe, die in den letzten Jahren in Kiel geführt wurden, unter einer feministischen Perspektive zu vereinen. Die Arbeitskämpfe der Pflegekräfte sind genauso mit unserem Anliegen verknüpft wie antirassistische Kämpfe und eine (post-)migrantische Perspektive oder die Kämpfe um die gesellschaftliche Reproduktion und Sorge-Arbeit. Mit der Aktionsform des Streiks nutzen wir ein traditionelles Mittel des Arbeitskampfes. Gleichzeitig schaffen wir zusammen eine völlig neue Vorstellung davon wer, wie wofür streiken kann. Gründe zu streiken gibt es genug: Erfahrungen von Ungleichheit, Diskriminierung und Gewalt sind für FLINT* überall auf der Welt tagtäglich. Und die Corona-Krise macht viele dieser Probleme nicht nur sichtbarer, sondern verschärft sie zunehmend. Mit dem Entschluss am 8. März gemeinsam zu streiken, machen wir deutlich, dass wir nicht länger bereit sind all dies auch noch einen weiteren Tag hinzunehmen.

Mit diesem Text möchten wir greifbarer machen, was wir uns unter einem feministischen Streik in Kiel vorstellen und wie ihr euch an diesem beteiligen könnt.

Was ist überhaupt unbezahlte Arbeit?

Soziale Reproduktionsarbeit (oder auch Care-Arbeit) umfasst alle die Tätigkeiten, die zur Produktion – also „Herstellung“ – und Erhaltung des Lebens selbst notwendig sind. Sie kann entlohnt oder unbezahlt sein. Bezahlte Reproduktionsarbeit umfasst zum Beispiel die Arbeit von  Alten- und Krankenpfleger*innen, Erzieher*innen oder Reinigungskräften. Daneben gibt es noch die unbezahlte Reproduktionsarbeit. Hier gehören Kochen und Kinderbetreuung genauso dazu wie Pflege und Erziehung, aber auch Zuhören, Trösten und Kümmern. Den Großteil dieser Arbeit erledigen FLINT*, oft unbezahlt und unsichtbar im Privaten zu Hause. Im Blick zu behalten, wann was nachgekauft werden muss, wann das Kind zur Kinderärztin muss, wann die Tante Geburtstag hat, wer was nicht gerne isst und so weiter – all diese, manchmal klein erscheinenden Dinge rauben zusammengenommen viel Energie und freie Zeit. In unserer Gesellschaft wird unbezahlte Care-Arbeit oft gar nicht als Arbeit angesehen und wie selbstverständlich FLINT* zugeschoben. Schon unter „normalen Umständen“ verrichten FLINT* weltweit ungefähr 4-mal so viel Care-Arbeit wie cis-Männer[2].  Während der Corona-Pandemie hat sich die Situation noch weiter verschärft: Social Distancing, Ausgangsbeschränkungen sowie Kita- und Schulschließungen vergrößern nun noch den Anteil an privat zu erledigender unbezahlter Care-Arbeit.

Frauen gehört an den Herd – das würde heute wohl kaum jemand mehr öffentlich sagen. Dennoch ist die traditionelle Rollenverteilung zwischen cis-Männern und FLINT* in der Praxis alles andere als überwunden. Eigentlich kaum zu glauben, dass wir immer noch deswegen auf die Straße gehen müssen. Doch das nach wie vor FLINT* die Hauptverantwortung für die Care-Arbeit tragen, ist kein Zufall, sondern liegt daran, dass die bestehende „Aufgabenverteilung“ durch die künstliche Trennung von privater Reproduktion und öffentlicher Produktion tief in unserer Gesellschaften verwurzelt ist. Durch verschiedene Streikaktionen wollen wir unsere Wut über all das in den öffentlichen Raum tragen. Wir können miteinander über unsere Erfahrungen ins Gespräch kommen, uns vernetzen und eine öffentliche Diskussion anstoßen. Unbezahlte Sorgearbeit darf nicht für selbstverständlich genommen werden und muss in der Gesellschaft grundsätzlich neu verteilt werden!

Wie können wir unbezahlte Arbeit bestreiken?

Wir rufen alle FLINT* dazu auf, am 8. März die Arbeit in allen gesellschaftlichen Bereichen zu bestreiken. Ein Weg hierzu ist, an diesem Tag auch unsere unbezahlte Arbeit liegenzulassen und stattdessen zum mobilen Streik-Café und zur Demo gehen! Dort können wir uns mit anderen FLINT* austauschen, vernetzen, laut sein und sichtbar werden. Sinn des Ganzen ist natürlich nicht, dass wir dann am nächsten Tag umso mehr zu tun haben, weil die Arbeit einfach liegen geblieben ist. Den Streiktag können wir stattdessen als Ausgangspunkt nehmen, die Verteilung von Sorge- und Hausarbeit im persönlichen Umfeld und in der Gesellschaft zu thematisieren und langfristig anders zu gestalten. Wenn wir einmal einen Tag nichts tun, fällt vielleicht auch auf, was alles nur läuft, weil wir uns tagtäglich darum kümmern.

Auch wenn es manchen von uns unmöglich ist, am 8. März auf die Straße zu gehen, weil wir beispielsweise Kinder oder pflegebedürftige Menschen nicht alleine lassen können, gibt es Möglichkeiten, unseren Protest sichtbar zu machen. Beim Bestreiken von unbezahlter Arbeit sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Ideen für mögliche Protestformen können sein…

…Überlastungsanzeigen und symbolische Lohnabrechnungen schreiben

…Trommelaktionen mit Kochtöpfen und Kochlöffeln: Gemeinsam auf die Straße gehen und laut sein, statt zu kochen

…Geschirrtücher, Bettlaken etc. aus den Fenstern hängen mit Aufschriften zum Streik

…gemeinsam laut schreien um eine bestimmte vorher verabredete Uhrzeit

…lila tragen als Zeichen für den feministischen Streik

…sich mit einem Stuhl gemeinsam in den öffentlichen Raum setzen

…Statuen im öffentlichen Raum mit Haushaltsgegenständen dekorieren und mit Schildern versehen

Und warum bezahlte Arbeit bestreiken?

Egal ob im Homeoffice oder im Betrieb: Schlechte Arbeitsbedingungen und Ausbeutung sind die Rahmenbedingungen der bestehenden Arbeitswelt. Sie baut auf Konkurrenz auf und ist darauf ausgerichtet, möglichst viel Gewinn zu erwirtschaften. Ein Beispiel hierfür ist die Arbeit der Beschäftigten im Gesundheitssektor: Die meisten Krankenhäuser sind heute eigenständige Betriebe, die auf dem Markt bestehen und sich gegen Konkurrenz durchsetzen müssen. Sie sind darauf angewiesen, mehr Einnahmen als Ausgaben hervorzubringen. Gesundheit ist zu einer Ware geworden. Die Konsequenzen hiervon sind auch für die Beschäftigten täglich spürbar, weil sie sich unmittelbar auf die Arbeitsbedingungen auswirken: Zu wenig Personal, eine schlechte Bezahlung oder jetzt in der Corona-Krise auch fehlende Schutzausrüstung, sind nur einzelne Beispiele hierfür. Hierdurch wird sichtbar, dass Profite an erster Stelle stehen und die Lebensrealitäten der Menschen für politische Entscheidungen keine Rolle spielen. Der Streik ist eine Möglichkeit, unseren Unmut zu zeigen und Druck aufzubauen – gegen die ausbeuterische Praxis, für eine gerechtere Gesellschaft!

Wie können wir bezahlte Arbeit bestreiken?

Viele Menschen denken, der politische Streik sei in Deutschland „verboten“. Das ist so aber nicht richtig. Zum einen ist die Frage auch unter Jurist*innen nicht unumstritten und zum anderen wurde und wird auch hierzulande tatsächlich immer wieder politisch gestreikt. Auch wir sind von der Legitimität des Streiks als Mittel der politischen Auseinandersetzung überzeugt. Wer als Arbeitgeber*in andere für sich arbeiten lässt, muss sich damit abfinden, dass die Beschäftigten ihre eigenen Interessen haben und diese auch während der Arbeitszeit artikulieren. Solange jedoch Jurist*innen hierzulande den politischen Streik verteufeln, ist zu beherzigen, dass der Streik mit der Geschlossenheit der Belegschaft steht und fällt. Da wir in diesem Jahr zum ersten Mal zu einem feministischen Streik aufrufen, dieses Mittel also noch erproben, haben wir im Folgenden ein paar Vorschläge zusammengetragen, die ihr ohne negative Konsequenzen zu fürchten umsetzen könnt. Diese Formen eignen sich auch gut, weil ihr sie öffentlich machen und mit Forderungen verbinden könnt:

Kämpferische Mittagspause

Während der Pause können Aktionen gestartet werden, die den feministischen Kampf thematisieren – zum Beispiel durch Schilder, T-Shirts oder ein Streikcafé, das auch vorbeigehende Kolleg*innen anspricht.

Betriebsversammlung

Diese kann auf Wunsch der Arbeitnehmer*innen vierteljährlich einberufen und zum Beispiel auf den 8. März gelegt werden, um so eine Informationsveranstaltung z.B. zu feministischen Kämpfen oder dem politischen Streik zu gestalten.

Tariflich streiken

Ein „offizieller“ Streiktag kann zum Aktionstag genutzt werden. Wendet euch an eure Gewerkschaft!

Solidarität zeigen

Wenn es nicht möglich ist, am 8. März in eurer Lohnarbeit zu streiken, dann gibt es immer noch viele Möglichkeiten, euch solidarisch zu zeigen und mit den Kolleg*innen über den Streik ins Gespräch zu kommen. Legt im Vorfeld Flyer für den feministischen Streik aus oder veranstaltet gemeinsam mit dem Betriebsrat eine Info-Veranstaltung. Oder tragt am 8. März Kleidung in unserer Streik-Farbe Lila, oder hängt lilafarbene Fahnen aus dem Fenster.

Was ist in Kiel geplant?

Da die Möglichkeiten zu streiken genauso vielfältig sind, wie die Gründe warum wir streiken, haben wir eine Aktion geplant, um unserem Streik einen gemeinsamen Ausdruck zu verleihen und sichtbar zu machen.

Am Vormittag werden wir mit einem mobilen Streik-Café durch die Stadt ziehen und mit Kundgebungen an drei symbolischen Orten verschiedene (Arbeits-)kämpfe thematisieren.

ACHTUNG: Unsere geplanten Streik-Aktionen haben sich noch einmal geändert. Unser Mobiles Streik-Café findet in leicht angepasster Form weiterhin statt. Die Demo haben wir abgesagt. Nähere Infos zu den Hintergründen findet ihr hier.

[1]FLINT* ist eine Abkürzung, die für alle Menschen gelten soll, die vom Patriarchat unterdrückt werden. Sie steht für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht-binäre und trans Menschen. Trans bedeutet: Ein Mensch lebt in einem anderen Geschlecht als das, was Ärzt*innen bei der Geburt gesagt haben. Inter bedeutet: Wenn die Medizin sagt, ein Mensch ist nicht eindeutig eine Frau oder ein Mann. Nicht-binär bedeutet: ein Mensch ist weder eine Frau noch ein Mann.

[2] Cis bedeutet, dass ein Mensch das Geschlecht hat, das ihm bei der Geburt zugewiesen wurde.